Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches. ________________________________________________________________________ Die jenische Sprache. [63.1] Von Engelbert Wittich. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Prof. Dr. L. Günther in Gießen. I. Vorbemerkung. Von Prof. _Günther_. Daß das Rotwelsch der Gauner und die mit ihm verwandten sog. Geheimsprachen (der Dirnen, »Kunden«, fahrenden Leute, Hausierer und Händler) heute in langsamem, aber stetigem Abnehmen begriffen sind, unterliegt wohl ebensowenig einem Zweifel wie die Tatsache, daß der zurzeit noch gebräuchliche Rest dieser besonderen Ausdrucksweisen sich in fortwährender Umgestaltung befindet. Daher erwirbt sich jeder, der in der Lage ist, einigermaßen zuverlässige Mitteilungen über den gegenwärtigen Wortbestand jener Jargons zu machen, ein wissenschaftliches Verdienst, ähnlich dem des Ethnologen, der uns die Sprachen aussterbender Naturvölker vor ihrem völligen Verschwinden noch rasch zugänglich macht. Dem Gelehrten, der sich für diese Dinge interessiert, also etwa einem Sprachforscher oder gar einem Kriminalisten, wird es freilich nicht leicht gelingen, die noch heute praktische Verwendung einer Geheimsprache aus eigener Anschauung kennen zu lernen, da die Angehörigen des engeren Kreises, in dem die betreffende Verständigungsart üblich ist, dem fremden, ihrem Tun und Treiben sonst meist fernstehenden Eindringling begreiflicherweise ein gewisses Mißtrauen entgegenzubringen pflegen. Selten sind aber auch Aufzeichnungen von Geheimsprachen durch solche Leute, die sie selber aus der »Praxis« kennen (also nach Art etwa des berühmten Gauner Wörterbuchs des »Konstanzer Hans« von 1791), da dies außer dem Willen, den in der Regel sorgfältig behüteten Schatz der Öffentlichkeit preiszugeben, doch auch schon einen bestimmten Grad allgemeiner Bildung, namentlich aber einen gewissen Sprachsinn voraussetzt. In der Persönlichkeit des Sammlers des hier zu besprechenden [63.2] Wörterbuches der »jenischen Sprache«, Engelbert _Wittich_, erscheinen jene Voraussetzungen im wesentlichen erfüllt. Er ist nämlich einerseits von Jugend auf vertraut gewesen mit den Ausdrücken des von ihm veröffentlichten Vokabulars[1], da er unter umherziehenden Handelsleuten und Zigeunern aufgewachsen (wenn nicht gar ein geborener Zigeuner) ist, während er andererseits an seiner im ganzen etwas dürftigen Volksschulbildung als Autodidakt so fleißig weiter gearbeitet hat, daß er sich auf dem Gebiete der »Zigeunerkunde« bei den Fachleuten einen gewissen Namen erworben. Auch den meisten Lesern des »Archivs« dürfte er bereits kein Fremder mehr sein. Seine Schrift »Blicke in das Leben der Zigeuner« (Striegau 1911) ist z. B. im »Archiv«, Bd. 46, S. 363 von Albert _Hellwig_ allen zur Lektüre warm empfohlen worden, weil sie »viel Interessantes« enthalte, und schon in Bd. 31 (1908), S. 134 ff. ist eine von ihm verfaßte kurze Grammatik der Zigeunersprache durch Johannes _Jühling_ herausgegeben worden. Ebenso stammt das von demselben Gelehrten in Bd. 32 (1909), S. 219 ff. veröffentlichte »alphabetische Wörterverzeichnis der Zigeunersprache« eigentlich von _Wittich_ her[2]. Das — ursprünglich 125 Oktavblätter umfassende — Manuskript der _Wittich_schen Arbeit, die außer dem eigentlichen Wörterbuch (Nr. V) auch einleitende Bemerkungen (über die jenische Sprache im allgemeinen sowie über veraltet gewordene und aus der Zigeunersprache stammende Vokabeln insbesondere [Nr. II-IV]) und zum Schluß noch »Sprachproben« und »jenische Schnadahüpfel« (Nr. VII u. VIII) enthält, ging mir im Sommer 1914 mit der Bitte des Verfs. zu, die Veröffentlichung — am liebsten in einer Zeitschrift — vermitteln zu wollen. Da mir die [63.3] Sammlung recht interessant und — trotz mancher Mängel — wohl wert erschien, weiteren Kreisen bekannt gemacht zu werden, wandte ich mich dieserhalb an den Herausgeber des »Archivs«, der dafür bereitwilligst die Spalten seiner Zeitschrift zur Verfügung stellte, unter der Bedingung jedoch, daß ich dem Ganzen eine annehmbare wissenschaftliche Gestalt zu geben unternähme. Diese Klausel war allerdings notwendig, denn in der »Urform« ließ das Manuskript nicht nur in der Stilistik (bes. in der »Einleitg.«), Grammatik und Orthographie recht viel zu wünschen übrig, es fehlte auch in dem Wörterverzeichnis durchweg eine alphabetisch genaue Reihenfolge der Vokabeln,...
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Ava Harris
3 months agoCitation worthy content.